Tamera - 30.9.23

Es ist jetzt der 2. Vollmond hier in Portugal, den ich erlebe. Ich merke daran wie die Zeit vergeht. Ich bin jetzt schon einen Monat in Tamera. Es ist ganz ein komischer mix zwischen die Zeit vergeht so schnell und irgendwie doch langsam. Irgendwie eine paradoxe Zeitmaschiene hier. Ich habe nicht viel zu tun und doch sind die Tage schnell vorbei. Den Mond nehme ich hier besonders intensiv wahr. Ob er scheint, wie stark er scheint oder nicht scheint hat einen grossen Einfluss wenn ich nachts ohne Licht unterwegs bin, wie gut ich sehe. Mit dem Vollmond ist es richtig hell. Der Nachteil daran ist, dass die Milchstrasse und der Sternenhimmel weniger klar zu sehen ist.

Nachdem ich letzte Woche meine Winterjacke und Wollmütze ausgepackt und getragen habe, ist jetzt wieder Hochsommer. Es ist Nachmittag und ich bin drinnen, weil es mir draussen zu heiss ist und das passiert nicht so schnell. Zum Glück haben wir noch den See zum schwimmen und abkühlen.

Ich war in der Zwischenzeit 3 mal weg von Tamera. 2 Mal am Strand, 1 Mal davon mit 30 Leuten aus der Gruppe zum übernachten. Eine logistische Hochleitung mit allen Matten, Schlafsäcken, Sonnen- und Regenschutz, Essen und Trinken. Dieser Ausflug war eine sehr schöne Erfahrung. Einfach zusammen sein, schauen was ensteht. Wir haben gebadet, spaziert, ausgetauscht, gesungen, gekämpft, gespielt, gelacht, am Feuer gesessen und geschlafen... Ich war noch in einem Mantrasingkreis ausserhalb von Tamera. Das war auch unglaublich schön. Sonst bin ich immer da. In der kleinen inzwischen gut vertrauten Welt.  Es gibt hier sehr viele Angebote von Workshops über Vorträge, Austauschkreise, Tanzen... und es ist immer wieder ein bewusstes entscheiden, wo nehme ich teil und wo nehme ich mir Raum für mich. Manchmal ist aber auch nichts los und teilweise halte ich die Stille hier nur schwer aus. Wobei dies die letzten Tage nicht mehr so Thema war. Das Leben ausserhalb von dieser Blase mit den vielen Reizen kann ich mir grad schwer vorstellen. Ich lese keine Nachrichten mehr und bekomme kaum etwas mit von der Aussenwelt. Ich habe hier alles was ich brauche. Ich bekomme 3 Mahlzeiten am Tag, habe einen Ort zum Schlafen, soziale Kontakte und verschiedenste Inputs. 
Mir wird hier immer wieder bewusst, wie tief unsere gesellschaftlichen Prägungen sind und wie viele Programme in uns automatisch ablaufen. Dies wird hier sehr aktiv hinterfragt.

Gesundheitlich geht es mir nicht mehr so gut, wie beim letzen Eintrag. Aber hier mit den wenigen Reizen komme ich gut zurecht. Ich Schlafe deutlich mehr in der Zwischenzeit, aber immer noch weniger als in der Schweiz. Angekommen bin ich schon länger, aber seit kurzem fühlt es sich nach zu Hause an. Ein neuer Alltag hat sich eingestellt.
Wir sind als Gruppe gut zusammengewachsen. Gruppenkörper, wie sie es hier nennen. Nächste Woche verlassen uns aber einige aus der Gruppe und es kommen einige neue dazu. Am Freitag gibt es eine Abschiedsparty. Dann ist auch Halbzeit.
 
Unten stehend habe ich viele Fotos eingefügt um dir einen besseren Eindruck zu verschaffen. Andere Menschen sind bewusst nicht auf den Bildern zu sehen. Das haben wir untereinander abgemacht.

Auch diesen Beitrag habe ich einfach so dahin geschrieben.

Fühle dich herzlich umarmt, wenn du magst.

Essensbuffet

Ich am warten, bis es los geht an den Strand

Küche ohne Abwaschstation, an welcher ich viel Zeit verbringe

Morgenstimmung vor meinem Zelt

Rechts aussen mein Zelt und links mein Pilatesplatz

Küche (mein Arbeitsplatz) von hinten

Eines der vielen Kunstwerke, bitte beachte den Text

Einen Teich mit wunderschönen Seerosen

Meine Lieblingstiere hier, die Wildschweine

Steinkreis

Bank am See

Bild aus meinem Zelt

Zweitägiger Strandbesuch

Füsse an den Feuersteinen wärmen am Strand

Eine der vielen Hängematten

Die resten des Sees

Links Tamera, rechts Nachbarsland

Einen Teil von Tamera von oben

Tamera - 16.9.2023

Heute Morgen habe ich einen Blogbeitrag gelesen von jemanden aus meiner Gruppe. Das hat mich dazu inspiriert, dies ebenfalls zu machen. Es hilft mir, zu verarbeiten und zusammenzufassen was bisher passiert ist und ist hoffentlich inspirierend für dich - wenn du das liest. Oder du darfst einfach teilhaben, an meinem Leben hier.

Ich bin jetzt etwas mehr als zwei Wochen hier in Tamera. Körperlich bin ich in einer sehr schlechten Verfassung von zu Hause abgereist. Es war bis vor der Abreise nicht klar, ob ich gehen kann. Ich habe mich inzwischen sehr gut erholt. Ich spüre so viel Energie wie schon lange nicht mehr und ich spüre, wie sie durch meinen Körper fliesst. Die Ruhe, die Natur, die cistrosenduftgetränkte Luft, das regionale vegane frische Essen, das natürliche Wasser, das ständige draussen sein, der klare Sternenhimmel mit der Milchstrasse, die richtige Dunkelheit in der Nacht, die Sonne oder der Regen am Tag, das Schlafen im Zelt mit all den Geräuschen, die in der Nacht sein können... tut mir sehr gut. Besonders fasziniert bin ich von den Wildschweinen hier. Die meisten Fotos, die ich hier mache, sind mit Wildschweinen drauf. Sie sind für mich ein Zeichen, des friedlichen Zusammenlebens zwischen Mensch und Tier, mit gegenseitigem Respekt. Ich bin einmal im dunkeln auf ein Wildschwein zu gelaufen, dass ich nicht gesehen habe. Als ich schon sehr nahe war, hat es einen Ton von sich gegeben und ich habe meine Gehrichtung gewechselt. In der Regel spazieren wir friedlich neben den Wildschweinen (auch Mütter mit Jungen) durch oder sie neben uns. Ich habe keine Angst mehr und bin total im Vertrauen zu diesen sonst eher gefürchteten Tieren. Die Tiere wissen, dass die Menschen hier gut zu ihnen sind und umgekehrt. Tamera nennt sich auch ein Heilungsbiotop und versucht ein Modell zu Leben, wo die Umwelt, der Mensch und die Tiere voneinander profitieren können. Ich war letztes Jahr schon hier und war sehr inspiriert. Jetzt länger hier zu sein, fühlt sich schon anders an. Ich merke mehr, das hier auch nicht alles perfekt ist. Aber sie bleiben dran und dies schon über meherer Jahrzehnte, das finde ich bewundernswert.

Wir sind ca 35 Freiwillige in diesem Program. Eine kunterbunte Truppe aus verschiedensten Nationen, eine Altersspannweite von ca 40 Jahren und mit unterschiedlichsten Charakteren. Wir haben viel angeleitete Gruppenprozesszeit. Die Themen, die auftauchen, können unter anderem dort angeschaut werden. Das Format nennt sich Forum oder auch Worldstage (Weltenbühne). Mit sovielen Menschen kann man die meisten menschlichen Themen abdecken. Die Idee ist sogenannt private Themen zu entprivatisieren. Da es bei uns Menschen immer wieder um die gleichen Themen geht und wir oft das Gefühl haben, dass nur wir selbst zum Beispiel daran leiden und es gibt auch soviel kulturelen Balast. Wenn dann jemand ein Thema verkörpert, klingt das oft bei ganz vielen an. Je bewusster wir mit allen unseren Fasetten (die Sonnen- und auch unsere Schattenseiten) unterwegs sind, je bewusster können wir agieren. 
Nach der ersten Woche war ich körperlich fit und ausgeruht. Und dann kam eine Leere, was mache ich den ganzen Tag hier? Das gewohnte (Stress)Level ist weg. Ich arbeite hier extrem viel weniger als zu Hause und in einem anderen Tempo, mein soziales Umfeld ist weg, Ablenkungen gibt es hier kaum. Da kamen die ersten unangenehmen Gefühle. Es ist ein komplett neues Leben hier für mich. Wir arbeiten und leben alle zusammen. Wie oft bin ich in der Gruppe und mit wem? Wenn mich jemand triggert, was hat das mit mir zu tun? Wie oft bin ich alleine? Wenn ich alleine sein möchte, wo ziehe ich mich zurück? An welchen Workshops nehme ich teil? Wen lasse ich wie nahe an mich ran und warum? Wo zeige ich mich und wieviel? Viel Potezial, dass sich meine Themen zeigen. Ich habe täglich Hochs und Tiefs. Ich habe mich gefragt, was ich hier mache und ob ich vielleicht nicht doch wieder nach Hause gehen sollte. Ich kenne das von mir, wenn ich gut mit mir verbunden bin, brauche ich wenig Schlaf. Wenn aber 3 bis 4 Stunden Schlaf reichen, sind die Nächte dann doch recht lang. Ich war die letzten Tage viel verwirrt, verstand nicht was in mir abgeht. Heute fühle ich mich sehr klar und spüre, dass ich genau am richtigen Ort bin und alle Geschenke des Lebens annehmen darf, die sich mir hier zeigen. Ich versuche mit viel Forschungsinteresse unterwegs zu sein, mit Achtsamkeit und Dankbarkeit. Es gibt vieles das ich weiss, aber es dann so klar zu spüren ist nochmals anders. Um ein Beispiel zu nennen. Es hängt 100 Prozent von meiner Stimmung ab, wie gut ich mich in die Gruppe integriert fühle. 
Was eine neue Erfahrung ist für mich, wenn wir anfangen zu arbeiten, gibt es immer eine kurze Runde, wie es allen geht - dann wissen wir, wer was braucht. Bevor wir eine Sitzung beginnen atmen wir zum Beispiel ein paar Mal tief zusammen. Das hilft so im Moment anzukommen. Das ist so anders als Arbeitseinstieg, als was ich kenne und das Gefühl habe einfach funktionieren zu müssen.

Immer wieder sehr bewusst ankommen im Moment.

Damit möchte ich jetzt fürs erste schliessen. Ich habe diesen Beitrag jetzt in einem Wisch geschrieben. Einfach was mir so in den Sinn kam. Die Fotos konnte ich nicht hochladen, vielleicht folgen sie noch.

Fühle dich umarmt, wenn du magst.